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* Das schweigende Klassenzimmer * von Lars Kraume, Deutschland 2018

22. Jan. 2019
20:00 - 22:15 Uhr
* Bar offen ab 19:45 Uhr * Filmbeginn 20:00 Uhr *

Ort:
Singsaal Schulhaus Feld
Tödistrasse 77
8800 Thalwil
Preis:
Fr. 6.00
Preise:
* Abendeintritt 6.--
* AHV, IV, StudentInnen, Lehrlinge 5.--
* Jahres-Mitgliedschaft beim Verein filmpodium thalwil 50.-- / Berechtigt zum freien Eintritt in alle Filme des 45. Programms.
Organisator:
filmpodium thalwil
Kontakt:
Verena Biedermann
E-Mail:
info@filmpodiumthalwil.ch
Voraussetzungen:
Originalversion (Deutsch) mit engl. Untertiteln * 111 Minuten * ab 12 Jahren *
Anmeldung:
* Nicht notwendig * Einfach kommen und diesen neuen-alten, umso aktuelleren Film ansehen *
Website:
http://www.filmpodiumthalwil.ch


Die Macht des Schweigens

Im Jahr 1956: Die Abiturienten Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) sind unterwegs in Westberlin und sehen bei einem Kinobesuch in der dort gezeigten Wochenschau erschütternde Bilder vom niedergeschlagenen Volksaufstand in Budapest. Wieder zurück in der DDR wächst gemeinsam mit ihren Mitschülern Lena (Anna Lena Klemke), Paul (Isaiah Michaelski) und Erik (Jonas Dassler) die Idee, während des Unterrichts eine Schweigeminute für die Opfer einzulegen. Doch sie haben unterschätzt, was sie mit ihrer kleinen, menschlichen Geste auslösen. Zwar versucht der Schuldirektor (Florian Lukas), die Aktion als jugendlichen Unsinn abzutun, aber Volksbildungsminister Lange (Burghart Klaußner) vermutet einen politischen Akt dahinter und versucht mit allen Mitteln den Anstifter ausfindig zu machen. Doch die Klasse hält auch trotz Verdächtigungen, Verhören und Drohungen zusammen…

Lars Kraumes "Das schweigende Klassenzimmer" basiert auf dem gleichnamigen Buch von Dietrich Garstka, der 1956 selbst Teil der Abiturklasse war, die plötzlich im Visier der Staatsmacht stand und deren komplette Zukunft bedroht war. Vor allem letzteres verdeutlicht Lars Kraume gekonnt, in dem er immer wieder unterstreicht, wie wichtig das Abitur für die einzelnen Schüler ist, wie gross die Chance ist, dadurch ein besseres Leben zu haben. Dabei nutzt er vor allem die beiden Hauptfiguren und besten Freunde mit ihrem Familienhintergrund: Während Theo aus einfachen Verhältnissen stammt und sehen muss, wie sein Vater (Ronald Zehrfeld) sich am Stahlofen kaputt schuftet, ist Kurts Vater (Max Hopp) ein aalglatter Parteifunktionär.

Trotz des unterschiedlichen familiären Hintergrunds lastet auf beiden Jungen ein ähnlicher Druck, der aus den eigenen Familien fast noch stärker ist als von den Behörden. So setzt Theos Vater dem Sohn gerade wegen seiner nach und nach enthüllten eigenen systemkritischen Vergangenheit schwer zu. Er will verhindern, dass dieser in seine Fussstapfen tritt und auch in den Eisenhütten endet. Hier tritt eine beklemmende Ambivalenz zu Tage, die ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse in der frühen DDR wirft. Die übrigen Familien- und Freundesbeziehungen werden ähnlich differenziert ausgestaltet, wozu die starken Darstellerleistungen sowohl der jungen als auch der älteren Schauspieler einen entscheidenden Beitrag leisten. All das zahlt sich dann vor allem am Ende voll aus, wenn von Theo und Co. eines der grösstmöglichen Opfer verlangt wird und „Das schweigende Klassenzimmer“ in ein Finale von seltener emotionaler Intensität mündet.

Die beiden Hauptfiguren sind die beiden Pole, zwischen denen sich all die anderen Schüler bewegen. Während der von der Sache überzeugte Kurt auch unter Druck die kritische Komponente der Schweigeminuten nicht leugnen will, ist der unpolitische Theo pragmatisch und hofft mit der Notlüge, man habe eigentlich nur an den Fussballspieler Puskás, einen Helden des Sozialismus, gedacht, die Sache zu entschärfen. Daneben gibt es Figuren wie den überzeugten Sozialisten Erik (Jonas Dassler), der komplett gegen die Aktion ist und trotzdem selbst verstärkt zum Opfer der Folgen wird. Es ist herausragend, wie Kraume all diese Figuren in Stellung bringt und exemplarisch verschiedene Konflikte bei ihnen ansiedelt, ohne dass auch nur ansatzweise der Eindruck einer kühlen Anordnung entsteht - ganz im Gegenteil. "Das schweigende Klassenzimmer" ist in bestem Sinne dramatisch aufgeladen und von Anfang bis Ende ungemein aufwühlend.

Dadurch, dass die Hauptfiguren im Kino, in der Wochenschau, das erste Mal vom Aufstand erfahren, sehen wir die dramatischen Bilder aus Ungarn mit ihnen, wodurch wir die Erschütterung von Theo und Kurt umso besser teilen und verstehen können. So gibt es den ersten Gänsehaut-Moment schon nach wenigen Minuten, viele weitere folgen bis zum Höhepunkt im Finale. Lars Kraume bedient sich dabei gekonnt der kompletten dramaturgischen Klaviatur, baut auch mal einen lockeren Moment ein und scheut ebenso wenig vor etwas Pathos zurück. Er bricht dabei durchaus auch mit Erwartungen. Ein eingeführtes Liebesdreieck etwa bringt nicht den vielleicht zu erwartenden zusätzlichen Konfliktstoff mit, sondern wird nach kurzen Auseinandersetzungen fast schon beiläufig aufgelöst. Letztlich fällt angesichts des überaus überzeugenden erzählerischen Gesamtentwurfs auch die einzige kleine Schwäche des Films nicht ins Gewicht: die etwas zu sehr als Erklärbär platzierte Figur Edgar (Michael Gwisdek), einem schwulen Eigenbrötler, der etwas zu oft für die Schüler, aber vor allem für jüngere Zuschauer die Gesamtsituation erläutert.

Mit historischen Stoffen kennt sich Autor und Regisseur Lars Kraume aus. Er hat schon mit seinem "Der Staat gegen Fritz Bauer" für Aufsehen gesorgt und nimmt sich eines ähnlichen Themas mit "Das schweigende Klassenzimmer" an. Beide Filme verbindet die Untersuchung, wie die Menschen, aber auch der junge Staat auf die Nazi-Zeit, die nur kurz zuvor vorbei war, reagiert haben. "Das schweigende Klassenzimmer" schildert dabei die Ereignisse in einem anderen Unrechtsregime, in dem Machthaber sich von Jugendlichen bedroht fühlen, die einfach nur schweigen.

Fazit: Mit "Das schweigende Klassenzimmer" beweist Lars Kraume wie intensiv und dramatisch man die jüngere Geschichte im Kino aufarbeiten kann. Herausragend![cineman,VB]