Das klingt simpel, ist es aber häufig nicht. Manchmal liegt der Wunsch des Loslassens im Bedürfnis, schwierige Erfahrungen möglichst schnell hinter sich zu lassen. Den Schmerz von Erlebtem nicht mehr spüren, quälende Gedanken verschwinden lassen. Was aber weggedrängt wird, verschwindet nicht, sondern wirkt oftmals im Innern subtil weiter. Manchmal fühlen wir uns diesen diffusen Gefühlen ausgeliefert. Dann hilft ein bewusster Abschied, um der Realität mit Mut und Zuversicht begegnen zu können.
Rituale bei Lebensübergängen
Kürzlich suchte eine Seniorin erneut unsere Infostelle auf. Nach einem längeren gemeinsamen Prozess war ihr Ehemann ins Pflegeheim eingetreten. Wir von der Infostelle hatten das Ehepaar bei diesem einschneidenden Schritt unterstützt. Die Seniorin erzählte mir, dass ihre Freunde ihr rieten, loszulassen, aber sie könne nicht. Immer wieder werde sie von Schuldgefühlen geplagt, weil ihr Mann nie in ein Pflegeheim wollte, auch wenn sich beide darüber im Klaren waren, dass dieser Schritt unumgänglich war.
Ich stellte die Vermutung in den Raum, dass sie zum Loslassen vielleicht einen würdevollen Abschied vom vergangenen Lebensabschnitt brauche. Abschiede verbinden uns noch einmal mit dem Erlebten, geben Orientierung und führen uns durch die Lebensübergänge. Gemeinsam schaute ich mit der Seniorin, welche Entscheidungen und Gefühle noch einmal bewusst Raum benötigten, damit sie ihren Ausdruck finden können. Auf diese Weise werden die angestauten Erfahrungen nicht ins Unbewusste verdrängt, wo sie oftmals insgeheim weiterwirken. Durch diese bewusste Auseinandersetzung erkennen wir auch das eigene innere Reifen. Auch dieser Prozess verdient Respekt. Begleitet werden Lebensübergänge oft von unterstützenden Ritualen, die gemeinsam mit der Partnerin, dem Partner oder allein durchgeführt werden können. Rituale helfen, Lebensabschnitte zu verabschieden und loszulassen.
Die Seniorin entschied sich für einen Dankesbrief, den sie sich schreiben wollte. Einerseits möchte sie sich für die gemeinsam erlebten glücklichen Jahre bedanken und andererseits für ihre Flexibilität und Durchhaltekraft in den schwierigen Zeiten. Bis der Brief geschrieben sei, schenke sie sich wöchentlich einen Blumenstrauss. Rituale müssen nicht aufwendig sein. Entscheidend aber ist, dass sie von Präsenz, Wertschätzung, Erinnerung und der Möglichkeit, Gefühle auszudrücken, begleitet werden. Das hilft, mit neu gewonnener Reife und Kraft den weiteren Lebensweg zu beschreiten.
Herzlich,
Karin Weidle
Die «Infostelle Alter und Gesundheit» der Gemeinde Thalwil bietet kostenlose Auskunft und Beratung zu verschiedenen Themen des Alters. Ohne Voranmeldung während der offenen Sprechstunde: Di, 14 bis 16 Uhr und Fr, 9 bis 11 Uhr.
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Karin Weidle, Altersbeauftragte: 044 723 24 72
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